Volksstimme Halberstadt, 27. 6. 2006
Verkleidete Braut auf Abwegen  - von Jörg Loose

 

Obwohl der WM-Ball durch alle Wohnzimmer rollt, zog es zahlreiche Kulturinteressierte auf den Hexentanzplatz nach Thale. Im Bergtheater fand die Premiere von Bedrich Smetanas tschechischem Nationalsingspiel „Die verkaufte Braut“ statt. Thale. Nun, wenn man die abstruse Handlung einmal als „theatergegeben“ akzeptiert, bietet dieser musikalische Spaß beste Voraussetzungen für einen vergnüglichen Theaterabend – und so sah es offensichtlich auch das zahlreich erschienene Premierenpublikum. Freilich handelt man sich, bei in Zeit und Ort authentischer Aufführungspraxis, rasch den (mitunter berechtigten) Vorwurf von musikantenstadelndem Museumstheater ein. Dieser Gefahr waren sich Klaus Seiffert (Regie) und Suse Tobisch (Ausstattung) bewusst. Sie verlegten die Handlung an einen eher neutralen Ort in unbestimmter Zeit. Während Stahlbierfässer, ein Dixi-Klo und Bierzeltgarnituren ins Heute weisen, zitiert die Ausstattung von Chor und Statisterie das 19. Jahrhundert. Die Kostüme prägt ein Zwittercharakter, bei dem Historisches auf Aktuelles trifft. Einzig der intrigante Heiratsvermittler (Klaus Uwe Rein) ist als aalglatter mafi oser Geschäftsmann komplett dem Heute zugeordnet. Welche Muse die Ausstatterin Suse Tobisch bei der Kostümgestaltung küsste, wollen wir lieber nicht wissen. Im Bestreben, biedermeierlich-ranzigen Zuckerguss zu vermeiden, entstanden Kreationen von recht eigenwilliger Handschrift. In Chor und Statisterie dominierten dunkle bis farblose Töne. Marie (Kerstin Pettersson), sorgfältig gepolstert und vergürtet, mit einem Schuhwerk, das eher eine Bergtour als eine Operntour vermuten ließ, wirkte wenig liebreizend und mit ihrem verschnürten Haar kantig, ja herb. Über das „Kostüm“ des Hans decken wir wohlwollend den Mantel des Schweigens. Einen solchen Bilderbuchkerl wie Mark Janicello in eine kurze Latzhose von kindlichem Zuschnitt zu stecken – meine liebe Suse, da raschelt es gewaltig im Stroh. Dass es auch anders ging, zeigte sich bei der Akrobatentruppe mit einem urkomischen Kostüm des Zirkusdirektors (Ingo Wasikowski wieder einmal großartig!) und farbenfroh origineller Ausstattung der gesamten Truppe. Wenn man also den volkstümlichen, romantisch bis beschwingten Zuckerguss kappt, bedeutet dies die Verpflichtung zu den Ingredenzien einer originellen Regie (wie zuletzt beispielhaft im Wildschütz geschehen), sonst schmeckt das Gericht schnell fad. Und genau hier liegt ein zweites Manko der Inszenierung. Wohl sind alle Szenen solide ins Bild gesetzt, aber es mangelt letztlich an Überraschendem. So gab es vor der Pause einige Längen. Im zweiten Teil sorgte die Akrobatentruppe (die Turngruppe des VfB Germania Halberstadt) für abwechslungsreiche Action und farbenfrohen Wirbel auf der Bühne. Überhaupt stehen der zumindest eigenwilligen Ausstattung und verhaltenen Regie durchweg sehr schöne Einzelleistungen in Spiel und Gesang gegenüber. Paul Batey gab einen lustig bedepperten Wenzel und überzeugte gleichwohl im Gesang. Kerstin Pettersson besticht einmal mehr mit kraftvoller Stimme, wenngleich ihre Marie etwas verhalten wirkte. Mark Janicello überzeugt, von extremen Höhen abgesehen, im Gesang und ignorierte im Spiel seine törichte Kostümierung. Das komödiantische Poten zial eines Klaus-Uwe Rein wird in der modern mafi osen Figurenanlage leider nicht völlig ausgenutzt – die Figur agiert mit angezogener Handbremse, im Gesang aber gewohnt stark – z.B. im herrlichen Duett mit Mark Janicello „Weiß ich doch eine, die hat Dukaten ...“. Beide Elternpaare (Gijs Nijkamp, Christine Köppe, Juha Koskela und Gerlind Schröder) sorgten mit dem a-capella-artigem Quintett „Überleg Dir’s Marie“ für wohlklingenden musikalischen Kontrast. Chor (Marbod Kaiser) und Orchester (MD Johannes Rieger) boten im Rahmen der akustischen Möglichkeiten einer Freilichtbühne ebenfalls eine ansprechend schöne Leistung. In einer musikalisch gelungenen Aufführung zeigte sich einmal mehr, dass der Berg (halbherzige) Regieexperimente nur schwer verzeiht.

Volksstimme Magdeburg, 30. 6. 2006
Irrungen und Wirrungen im böhmischen Dorfleben - Von Dr. Herbert Henning


Thale. Nach Irrungen und Wirrungen, Missverständnissen und Turbulenzen haben am Schluss der Inszenierung „Die verkaufte Braut“ von Bedrich Smetana im Harzer Bergtheater die beiden Verliebten Marie und Hans die „Nase“ vorn. Sie haben ihren geschäftstüchtigen Eltern, die die Verheiratung von Marie als „Geldgeschäft“ sehen und auf den windigen Heiratsvermittler Kezal hereinfallen, gezeigt, dass die Jungen ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Auch im Böhmischen hat trotz Tradition zwischen Folklore, böhmischem Bier, böhmischen Würsten und Brezeln, von denen auf der Bühne reichlich vorhanden ist, irgendwie eine neue Zeit begonnen. Dörfl iches unterm Maibaum mit bunten Schleifen, Girlanden, mit Biergarten- und Folklorecharme vermischt sich mit Städtischem. Suse Tobisch hat mit Liebe zum Detail in den Kostümen dies sehr schön eingefangen, und die Szenerie zwischen Bäumen und Felsenmassiv macht für zwei Stunden den Harz irgendwie ein bisschen zum (Theater)- Böhmerwald. Klaus Seiffert hat dörfl iches Treiben mit Polka und der Huldigung des „Böhmischen Bieres“, mit einem hinreißenden Auftritt einer Zirkustruppe mit Akrobaten, Seiltänzern, Indianern, Messerschluckern in farbenprächtigen Kostümen und einem schlitzohrigen, wortgewandten Zirkusdirektor (Ingo Wasikowski) als buntes Treiben effektvoll in Szene gesetzt. Er kann sich musikalisch auf den verstärkten Chor und die sehr spielfreudige Statisterie wie immer verlassen (Einstudierung: Marbod Kaiser). MD Johannes Rieger schafft mit dem Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters beste Voraussetzungen für die Sänger, die (ohne Verstärkung) ab und an gegen die akustischen „Fallen“ der Naturbühne ansingen müssen. Den volkstümlichen Charme dieser Aufführung auf dem „Berg“ machen Gesangskultur und natürliche Spielfreude und Spielwitz aus. Paul Batey als gar nicht tumber, stotternder, liebenswürdiger und verklemmter Wenzel, der Marie heiraten soll, und dem Marie (incognito) diese Heirat ausredet und der im Zirkus als Tanz-Bär sein Glück an der Seite der bildschönen Seiltänzerin Esmeralda fi ndet, avanciert zu Recht zum Publikumsliebling. Da hat es Klaus Uwe Rein als Heiratvermittler und „Banker in Sachen Hochzeit“ schon schwerer, die Figur des umtriebigen Kezal mit der sprichwörtlichen Schlitzohrigkeit auszustatten. Gesanglich freilich ist er, wie auch Gerlind Schröder als resolute Ludmilla und Juha Koskela als Krusina sowie Christine Köppe und Gij Nijskamp als die Eltern von Wenzel, bestens aufgelegt. Kerstin Pettersson als Marie und Mark Janicello als kraftstrotzender Bauernbursche Hans, der nicht nur der schönen, klugen und selbstbewussten Marie den Kopf verdreht, singen und spielen mit viel Gefühl, nicht ohne Witz und manchmal auch mit etwas „Zorn“ aufeinander, als offenkundig wird: Hans hat seine Marie verkauft! Auf alle Fälle nehmen Hans und Marie ihr Glück ohne ans Geld zu denken selbst in die Hand und „organisieren“ ihr Happy End. Dies spielen beide Sängerdarsteller mit Frische und sängerischem Aplomb. Ihre Liebe zueinander ist ihnen förmlich ins Gesicht geschrieben.

Mitteldeutsche Zeitung, 23. 6. 2006
Eine Volksoper vom Feinsten - von Uwe Kraus


Thale. Gastregisseur Klaus Seiffert nimmt sich im Bergtheater Thale ohne selbstherrliche Regie-Attitüden der tschechischen Nationaloper „Die verkaufte Braut“ an. Eine im besten Sinne flotte, kurzweilige Inszenierung kam dabei im Gleichklang von Musik (Johannes Rieger) und Ausstattung (Suse Tobisch) heraus. Ein Manko für die Zuschauer: Das Team verzichtet auf ausufernde Tanzszenen des Ballett-Ensembles. Der musikalisch leichte Tonfall wird aufgenommen, das Libretto gilt sowieso als komisch, die Sprache als bodenständig und ungekünstelt. So gelingt eine erfolgreiche Wanderung am Grat zu volkstümlichen Mustern und folkloristischer Operettenhaftigkeit, ohne jedoch kopflastig den rationalen Kern der ziemlich ernsten und durchaus nicht urböhmischen Geschichte von windigen Vermittlern, heißer Liebe, geldgeilen Eltern und dem Bruch mit jahrhundertealtem Brauchtum freizulegen. Das Spiel pendelt dank guter Akteure zwischen Humor und Tränen, Bedrohung und Beglückung in der Dorfgemeinschaft, die sowohl Heimat als auch bedrückende Enge ist. Seiffert holt dazu überraschende Akteure auf die Bühne. Die wundervollen Zirkuskünstler sind Spitzen-Turnerinnen des VfB Germania Halberstadt. Ingo Wasikowski gibt als Zirkusdirektor ein von den Widrigkeiten des Alltags gebeuteltes Stehaufmännchen und bringt mit seiner Frau Amrei (Esmeralda) und Mathias Junghans als Indianer eine Bereicherung in den Dorfalltag. Der Heiratsvermittler scheint Klaus Uwe Rein auf den Leib komponiert. Nicht nur sein Bass stimmt in allen Lagen, er spielt einen mafiös agierenden Braut-Händler mit Muster-Koffer, aus dem er für die Brauteltern eine Leporello-Präsentation des Kandidaten Wenzel fischt. Gerlind Schröder gibt, wie alle Frauen miederbetont kostümiert, eine stimmlich feintimbrierte Ludmilla. Als hintergangene Marie schwingt sich Kerstin Pettersson lyrisch zu Kantilenen und Koloraturen auf, dass das beifallfreudige Publikum alle Hände voll zu tun hat. Ein tenorales Kabinett-Stück bietet Paul Batey nicht nur stotternd, sondern auch als stumme Heiratskandidaten-Erscheinung aus dem Bühnenuntergrund. Christine Köppe gefällt mit stimmlicher Präsenz an der Seite von Grundbesitzer Micha (Gijs Nijkamp). Als Hans erlebte das Publikum den amerikanischen Gast Mark Janicello. Hemdsärmlig agierend wirkt er solide, auch wenn die Spitzentönen zuweilen noch nicht ganz Hochglanz-gewienert im Forte klangen. Das Orchester ist unter der klaren und inspirierenden Leitung von Johannes Rieger stets engagiert bestrebt, auch die stark symphonisch anmutenden Passagen unter freiem Himmel wohlklingend in die Ohren zu geleiten.