Schaufenster Sachsen 24.05.2006 – von Dr. Herbert Henning

„Wolgastrand“ auf dem Berg

 

Die Operette „Der Zarewitsch“ von Franz Lehár in der Inszenierung von Wolfgang Dosch eröffnete die Sommerspielzeit des Nordharzer Städtebundtheaters im Harzer Bergtheater. Die Künstler sangen und spielten sich mit den unsterblichen Melodien von Lehár in die Herzen des Publikums.
Von Dr. Herbert Henning
Thale. Es gibt sie wirklich, die Operette ohne Happy End. Aber eigentlich ist Franz Lehárs 1927 uraufgeführte Operette mehr eine Oper. Eines hat ihm sein „Zarewitsch“ allerdings beschert: Das berühmte, für Richard Tauber komponierte Lied „Steht ein Soldat am Wolgastrand“ wurde zum Welterfolg. Rudolf Schock und Fritz Wunderlich sorgten mit dem „Wolgalied“ dafür, dass die Operette nicht in Vergessenheit geriet. Selten gespielt, erweist sich die Neuinszenierung des Klassikers für die Naturschauplätze auf dem „Berg“ als ein Beispiel für spritziges, humorvolles Musiktheater. Wolfgang Dosch hat die Inszenierung optisch gemeinsam mit Cordula Stövesand (Ausstattung) ganz den waldig-felsigen Spiel-„Plätzen“ des Bergtheaters angepasst. Mit ganz wenigen, ungemein wirkungsvollen Zutaten wie Zwiebeltürmchen, Samowar und Diwan mit Bärenfell, einem Zarenthron, Fahnenschwinger und Standartenträger wird Russlandstimmung „gezaubert“. Dass dabei die Wolga ganz weit weg ist, stört niemanden.
Wenn der amerikanische Tenor Marek Janicello mit seiner dunkelgefärbten Stimme und dem in der Höhe samtenen Klang „Steht ein Soldat am Wolgastrand“ singt, öffnen sich die Herzen der Zuschauer. Und der Gast aus den USA kann auch noch richtig gut spielen. Wolfgang Dosch hat die Dialoge spielortangepasst komprimiert und Überfl üssiges gestrichen. Er setzt vor allem mit dem unverwüstlichen Paul Batev als Ivan und der quicklebendigen, resoluten und liebenswerten Mascha ganz auf die Wirkung dieses Buffopaares, das singend und „Kassochok“ tanzend über die Bühne wirbelt. Sie sind in ihrer jugendlichen Unbekümmertheit der Gegensatz zur schwermütigen Liebe zwischen der schönen Sonja (Kerstin Pettersson) und dem Zarewitsch, die anfangs zur „Mannwerdung“ des künftigen Zaren arrangiert wurde und dann aus Staatsräson und standesgemäßer Vermählung zu Ende gehen soll. Ob Zarewitsch Aljoscha seine Sonja bekommt, bleibt offen. Kein Happy End! Vielleicht aber wird die Gunst der resoluten, noblen und warmherzigen Großfürstin (wunderbar Edith Jeschke in dieser Rolle) ein bisschen Schicksal wider die Intrigen und Machtspiele des Ministerpräsidenten (Norbert Zilz) spielen? Jedenfalls schwelgen die beiden Verliebten in den unsterblichen, slawisch getönten Melodien mit dem prickelnden italienischen Kolorit à la „Paganini“. Und da ist die Schwedin Kerstin Pettersson mit ihrer jugendlich-strahlenden, makellosen Stimme als Sonja ton- und spielangebend. Ihr Lied „Einer wird kommen“ und „Warum gibt es im Frühling denn nur einen Mai“ treffen Melancholie und Sehnsucht der Lehár-Melodien bis in jede musikalische Nuance. Dosch hat sich mit Ballettmeister Jaroslaw Jurasz für so manche Szene eine gefällige tänzerische Aufl ösung einfallen lassen, die zur optischen Attraktivität der Inszenierung wesentlich beiträgt. Die wird übrigens einmal mehr von den gut sitzenden, farblich dezenten und die Figuren mit wenigen „russischen“ Accessoires so treffend charakterisierenden Kostümen unterstützt! In den als Balletteinlage gespielten „Polwzer Tänzen“ von Alexander Borodin, aber auch in den Melodien der in dieser Operette vorkommenden neuen Tanzformen wie Onestep, Foxtrott oder Valse Boston zeigte sich unter den heiklen akustischen Bedingungen (man singt unverstärkt ohne Mikroports) die Qualität des Orchesters des Nordharzer Städtebundtheaters unter Torsten Petzold. Ein gelungener Auftakt der diesjährigen Sommerspielzeit. Bereist am 28. Mai folgt mit dem Musical „Anatewka“ von Jerry Bock die nächste Premiere, gefolgt von Bedrich Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“ am 17. Juni.

 

 

 

 

 

 

 

 

Halberstädter Tageblatt –27.5.2006

Ein neues Traumpaar fürs Musiktheater

Der amerikanische Tenor Mark Janicello ist in diesem Sommer in zwei Produktionen der Nordharzer Städtebundtheaters besetzt. Er übernahm die Titelparite in der Operette „Der Zarewitsch“ mit der erfolgreichen Premiere im Harzer Bergtheater, die ihm viel Lob für seine sängerische und darstellerische Leistung einbrachte.“ Nun ist er als Hans in „Die verkaufte Braut“ von Bedrich Smetana zu erleben. Hans führt dir ehrgeizigen Brauteltern und ein ganzes Dorf an der Nase herum und verkauft seine Braut Marie. Kerstin Pettersson und Mark Janicello sind ein neues Traumpaar fürs Musiktheater... Premiere ist am 17. Juni um 19:30 im Harzer Burgtheater Thale.

 

 

Mitteldeutsche Zeitung 24.05.2006 – von Uwe Kraus

Große Gefühle auf weitem Feld

Thale. Wolfgang Dosch inszeniert nach der Hausfassung vor zwei Jahren nun eine Bergtheater-Version von „Der Zarewitsch“, jener Operette der Entsagung, an deren Ende sie sich eben nicht kriegen. Sie sind der Zarewitsch (Mark Janicello a. G.) und Sonja (Kerstin Pettersson). Dosch hat mit seinen Darstellern und am Text gearbeitet, straffte die Dialoge, so dass die eher kammeroperettige Fassung zu einem opulenten Freiluftspektakel wurde. Was bleibt, ist seine sensiblen Sicht auf die Tragödie eines Mannes, dessen privates Glück auf dem Altar der Staatsräson geopfert wird. Ein großer Gewinn stellt die Zusammenarbeit mit Ausstatterin Kordula Stövesand dar. Sie findet auf der Bergtheater-Bühne Spielplätze für Massenszenen ebenso wie für eher intimere Szenen. Dabei legt sie in gewohnter Weise großen Wert auf Kostüme, so dass auch dank der Zwiebeltürme nicht nur ein Hauch von russischer Weite durch das Rund weht. Dem bergtheatererfahrenen Dosch gelingt es, die sich ihm bietenden Spielräume für seine Inszenierung zu nutzen. So entstehen zu Herzen gehende Bilder. Während Norbert Zilz als intriganter Ministerpräsident das Ende der Beziehung von Sonja und dem Zarewitsch auf der äußersten Bühnenseite verkündet, erlebt der Zuschauer in einer bedrückend anrührenden Szene auf der gegenüberliegenden Seite, wie die junge Tänzerin stumm Abschied nimmt. Oder wie unwohl sich Sonja im Stuhl eingezwängt fühlt, als sie den Abschiedsbrief diktiert bekommt. Eine kluge Wahl auch der Platz auf höchster Ebene, auf dem der Zar, eben noch der wild Spaghetti-Orgien feiernde Italien-Genießer, die Krone empfängt und Entsagung üben muss. Die Operette zehrt von Wunschkonzert-Hits „Es steht ein Soldat am Wolgastrand“ und „Einer wird kommen“ und braucht überzeugend agierende Sänger. Mit Mark Janicello erlebt das Publikum einen schon von seiner Erscheinung her wirkenden Zarewitsch. Stimmlich chargiert er fast an der Grenze zum Bariton. In den Soli sicher, fehlt ihm im Duett mit der überzeugenden Kerstin Pettersson zuweilen stimmlich der letzte Schliff. Die Sopranistin verströmt als Sonja Iwanowna auch stimmlich verführerischen Liebreiz mit viel Vibrato in ihrem klangschönen, runden Sopran. Spielfreudig, ausgelassen tanzend und zur Furie mutierend überzeugt Bettina Pierags als Mascha an der Seite von Paul Batey (Iwan). Gewohnt zuverlässig meisterte zudem Edith Jeschke ihren Part als Großfürstin. Das Orchester unter Torsten Petzold lässt ein Hauch russischer Seele durch den Graben zu schweben und hatte seinen Anteil daran, dass die Choreografien von Jaroslaw Jurasz vom Zuschauer mit anerkennendem Beifall bedacht wurden.

 

Halberstädter Volksstimme 28.05.2006 – von Jörg Losse

Vom Theater lernen heißt siegen lernen ...

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Thale. Nach den grandiosen Operettenleistungen vergangener Jahre wurde die Austragung des diesjährigen Grand Prix der Operette, des European Operetten Song Contest (EOSC), an das Nordharzer Städtebundtheater vergeben. Ein internationales Produktionsteam sowie europäische Wettbewerbsbeiträge sorgten für ein großartiges Ereignis. Eindrucksvoll wurde deutlich, dass im Kulturbetrieb Theater die Europäische Einigung lange vollzogen ist, womit Europaparlamentarier und Ausländerbeauftragte erkennen: Vom Theater lernen heißt siegen lernen.
Für die musikalische Ausstattung des EOSC konnte der europäische Operettenkönig deutsch-französisch-ungarischer Abstammung Franz Lehár – sozusagen der Ralf Siegel der Operette – gewonnen werden. Da jubiliert die freudig erregte Geige, es schmachtet die Harfe, der Tenor schmettert und schmilzt, es zirpt und walkürt der Sopran, es walzern Tutus und erschallen die Chöre ... Und all dies überzuckert von einer Prise inhaltlicher Ernsthaftigkeit!
Schließlich geht es in der Rahmenhandlung um die dramatische Liebesgeschichte eines vom Herrn Papa unverstandenen Zarensohnes, der am Ende in staatsmännischer Pfl ichterfüllung sein privates Glück dem Allgemeinwohl opfert. Auch bei dieser aktuell-politisch hochbrisanten Moral dürfen wir feststellen: Vom Theater lernen hieße siegen lernen.
Es wurden weder Mühen noch Kosten gescheut, einen optisch wie intellektuell ansprechenden Präsentationsrahmen zu schaffen, in dessen Zentrum eine von Kordula Stövesand geschaffene Skulptur stand, die mit „abstürzende Amorflügel kopulieren in Dachkammer mit rostiger Zarenkrone“ sicher treffend charakterisiert ist. Da hatten auch die Herren Operettenignoranten, denen die einzelnen Länderbeiträge zu banal schienen, durchaus ihr intellektuelles Futter.
Die Länderbeiträge
Österreich zeichnete mit Wolfgang Dosch für eine kurzweilige Regie, die gekonnt zwischen Sentiment, Temperament, Ernsthaftigkeit und Klamauk lavierte. Das sind glatte 10 Punkte für Österreich!
Der Amerikaner Mark Janicello trat als Zarewitsch auf! Das allein ist schon bemerkenswert. Nun fragen sie mich nicht, was ein Amerikaner auf einem Europäischen Operettenwettbewerb macht! Vermutlich soll er, im Rahmen einer „privilegierten Partnerschaft“, vom „Alten Europa“ und dessen Theatertradition etwas lernen. Das macht ja irgendwie Sinn für ein Land, dessen Politik zunehmend zum Schauspiel wird! Hier gilt sozusagen lehrbuchreif: vom Theater lernen heißt siegen lernen. Viel kann das allerdings nicht mehr sein. Eine perfekte stattliche Erscheinung im sympathischen Latinolook beschert ihm eine enorme Bühnenpräsenz. Dazu ein runder, voller Ton in den Tiefen und Mittellagen und nur, ganz, ganz, ganz weit oben ersetzte Kraft Wohlklang und Geschmeidigkeit. Insgesamt eine sehr gelungene Darbietung - glatte 10 Punkte an Amerika. Die Schweden schickten Kerstin Pettersson als Sonja ins Rennen und hier verbietet sich jede Debatte – das volle Dutzend für den Schwedenhappen (sechs Punkte für den Gesang und sex Punkte für die Darbietung). Einige Staaten haben sich dem EOSC verweigert. Zum Beispiel leider auch die Finnen. Dafür holte man sich den Russen Borodin mit seinen Polowetzer TänzerInnen ins Operettenboot. Gewagt, gewagt, meine Damen und Herren! Schließlich wird hier völlig auf den Song verzichtet und nur noch getanzt! Aber das ist irgendwie „in“! Schön war’s trotzdem und der deutsch-russisch-polnischrumänisch-italienisch-belgischjapanische Beitrag heimste verdienten Beifall und 10 Punkte ein. Ähnlich riskant, weil fast ohne Gesang, gingen die rein deutschen Beiträge (im Vorfeld wieder einmal als Geheimtipp gehandelt) in den Wettbewerb. Norbert Zilz schlüpfte als Ministerpräsident in die Rolle des intrigant angehauchten eiskalten Politokraten, der den Operettensieg per Federstrich erzwingen will. Gemeinsam mit Edith Jeschke als Großfürstin wäre dies fast gelungen. Ein erfrischendes, interkontinentales Gastspiel als australisch-deutsches Buffopaar gaben Paul Batey und Bettina Pierags (Ivan und Mascha). Bulgaren, Ungarn, Rumänen und Russen sorgten in Chor und Orchester mir ihren deutschen Kollegen unter der Leitung von Torsten Petzold für ansprechenden Sound. Rein rechnerisch wäre Russland der Gesamtsieg nicht zu nehmen gewesen, traten doch in einer „russischen Operette“ alle Künstler als Russen auf. Aber zwei und zwei ist – jedenfalls im Theater – noch lange nicht vier. Und so errangen denn auch – für die Fachwelt völlig überraschend – Publikum und Nordharzer Städtebundtheater den 1. Preis beim European Operetten Song Contest.